Digitale Intelligenz

Geschrieben von kingalca am 13. Mai 2015
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Digitale Intelligenz

Wir leben in einem Zeitalter, das schon lange weit entfernt von Web 2.0 ist. Web 2.0, das war gestern – ach, was sag ich. Vorgestern! Aber man benimmt sich noch so, als wäre alles noch 2.0. In Wahrheit sind wir schon lange beim Web 13.37 angekommen, da geht’s nicht mehr um User-driven-Content-Generation, sondern darum, dass der User zum einen den Inhalt der Seite definiert UND dass der Seitenbetreiber gleichzeitig aus dem User heraus den größtmöglichen wirtschaftlichen Nutzen zieht.

Das ist es, was ich heute ansprechen möchte. Digitale Intelligenz.

Nun, ich bin bei weitem kein Experte auf dem Gebiet, dennoch traue ich mich zu sagen, dass ich in meinem Freundeskreis die größte Kompetenz auf dem Gebiet habe. Vielen ist es nicht bewusst, dass Sie Produkte sind – oder es ist Ihnen egal.

Hä, von was redet der denn? Produkte? Ich bin doch kein Produkt!!!1eins

Jaja. Denk das mal, du popeliger Facebooknutzer. Du bist das Produkt einer Seite, die dich im digitalen goldenen Käfig gefangen hält und du bist zu dumm, um es zu erkennen – oder zu dumm, um es zu verstehen, obwohl du es schon lange erkannt hast.

Richtig gelesen – du bist blöd! Weil du nämlich nicht weißt, was Datensparsamkeit bedeutet. In Zeiten der kompletten Überwachung durch den Staat ist es eigentlich nicht sehr ratsam online ein Tagebuch zu führen. Außer, man möchte, dass andere (also, wirklich: jeder andere, nicht nur irgendwelche 3-Buchstaben-Agencies) genau wissen, wo du dich um 12:39 gestern aufgehalten hast und was du da eigentlich gemacht hast.

 

Ein Bild auf Instagram, 2 Tweets, ein Facebook-Like und natürlich die Fitness-App, die deine GPS Daten jederzeit nach Übersee schickt. Und damit meine ich nicht das Örtchen Übersee nähe der Österreichischen-Deutschen Grenze. Jede „soziale“ Interaktion, die man vornimmt, jedes Unlocken des iPhones 6 Plus, das ist alles ein Fremdwort für meine Generation – und auch die danach. Und so ist es unabdingbar, dass jedermann alles über dich weiß.

„Ich hab nix zu verbergen.“

Ich erinnere mich noch, als ich damals klein war und mir eingebläut wurde: TRIFF DICH BLOß NICHT MIT JEMANDEM AUS DIESEM INTERNET!!! Recht lustig, ich habe mit meinem Kumpel Lino schon zwei Twittertreffen veranstaltet, die jedes mal echt lustig waren und da waren sogar NUR Leute aus DIESEM INTERNET!!1eins Da ist die Akzeptanz einfach gewachsen und auch die Generation vor mir hat verstanden, dass das Internet nicht von virtuellen Spinnen und Pädophilen bewohnt wird, sondern von stink normalen Leuten, Leuten wie dir und mir.

Das war der digitale Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit, das Internet wurde Salonfähig und große Firmen haben Anfang der Zweitausender entdeckt, dass man damit Geld machen kann – RICHTIG viel Geld. Und so ist es das natürliche Produkt des Kapitalismus, dass es auf kurz oder lang ein Geschäftsmodell gibt, bei dem mal wieder der Mensch und Nutzer das Produkt ist. Daten werden an irgendwelche Werbefirmen verkauft, damit dir dann Werbung anzeigen können, von der sie der Meinung sind, dass du die Produkte voll super findest. Ist an sich alles nicht so schlimm, schlimm ist aber das Tracking dahinter, dass schlicht und ergreifend notwendig ist um deine Daten zu konsolidieren – um zu Wissen, was du wann wo wie im Internet so machst.

Genau deshalb ist es wichtig weitestgehend sparsam mit seinen Daten umzugehen. Dein Nachname muss nicht bei jedem Internetportal stimmen. Ach, nicht mal dein Vorname. Das geht eigentlich niemanden was an.

Genauso wenig wie dein Vorname, wenn man es mal ganz engstirnig sieht. Mir erschließt sich überhaupt kein Grund, wieso man seine Daten, die auf dem Perso stehen einfach so ins Netz stellt – wenn ich dich jetzt nach deinem Nachnamen fragen würde, würdest du Ihn mir einfach so sagen? Nein, würdest du nicht – weil ich eine natürliche Person im Internet bin. Im Reallife hat man damit weniger ein Problem, da würde man jemandem allerdings nicht unbedingt seine Geheimnise anvertrauen. Im Internet? Kein Problem, hier Twitter, ließ, was ich gerade gemacht habe, welche Fotze ich gerade geleckt habe und welchen Pimmel ich gestern im Mund hatte. Einwurf: Manche Twitteraccounts leben von dieser Art von Content.

Das klingt doch total surreal, der Alca spinnt doch.

Nein, tut er nicht. Die traurige Realität ist, dass die wenigsten Leute sich dessen bewusst sind, was sie online preisgeben und vor allem WEM sie es preisgeben. Ja, klar, du hast nichts zu verstecken. Deshalb hast du auf deinem Twitter-Account auch einen Fake-Namen, damit nicht jeder durch 2 minütiges Googlen drauf kommt, auf welche Schule du gehst, wer deine Freunde sind und wo du wohnst. Aha – du hast also doch was zu verstecken. Jetzt ist deine Privatsphäre dir plötzlich wieder wichtig.

 „Ich benutz doch gar nicht meinen richtigen Namen auf Facebook.“

So geht das jetzt schon seit einigen Jahren, den Nutzern ist es egal, wenn Firmen Ihre Daten haben, aber Privatpersonen sollen es möglichst nicht erfahren. Was ist das denn für ein Quatsch! Da unterscheidet man allen ernstes zwischen Leuten, die du nicht mal verprügeln kannst (Juristische Personen) und solchen, die du verprügeln kannst (jeder andere). Und denjenigen, die man nicht mal sehen kann schenkt man seine Daten, die dann da massig Kohle mit verdienen – ohne auch nur einen Cent davon abzugeben. Als Gegenleistung bekommst du ein Sprachrohr oder eine Plattform, auf denen du deine „Modelbilder“ hochladen kannst (Model Agency Instagram Ltd, zum Beispiel).

Dass hochkomplexe Algorithmen dein Gesicht anhand von wenigen Bildern sofort digitalisieren können und du dich damit komplett verfolgbar machst, das ist dir egal. Na dann halt dich mal brav an die Gesetze, denn sonst, du Schlingel, tracken wir dich auch in Russland über offene Webcams, auf die unsere Systeme einfach so Zugriff haben! Jaja, da schaust du blöd, mach was wir dir sagen, sonst ist dein Leben ganz zackig vorbei! Du Krimineller.

Und jetzt gehen wir einfach mal zwanzig Ebenen weiter runter, weg von der System-Verschwörung und hin zu Arbeitgeber, potentiellen Lebenspartnern und Freunden, die einfach gern ein bisschen mehr über dich erfahren wollen – die googlen dich einfach! Und scheiß egal ob du deinen echten Namen auf irgendwelchen Profilen hast oder nicht, es gibt noch tausend andere Selektoren mit denen ich dich und deine tausend Internetprofile auffinden kann, da reichen schon Wortwindungen und Floskeln, die außer dir in Deutschland halt nur 20 andere Leute benutzen. ¯\_(ツ)_/¯

Öh ja, irgendwie finde ich, dass ich jetzt doch was zu verbergen hab…

Achso, auf einmal. Jetzt, wo ich dir damit drohe, dich und deine digitale Identität zu diffamieren vor all deinen Freunden oder Bekannten oder sogar deiner Familie. Was würden die eigentlich so zu deinen Facebook-Einträgen sagen? Oder dass du jedes Wochenende voll „wasted“ bist und dass der letzte Sonntag echt krass war, als du bist 9 auf der After-Hour warst und dir da tausend bunte Pillen eingeschmissen hast? Hey, weißt du was, ich frag mal deinen Arbeitgeber, was der davon hält – wo du arbeitest steht ja Gott sei Dank nur einen Klick von deinem Post entfernt. Jaja, niemand hat was zu verbergen, solange, bis man das ganze öffentliche dann mal Leuten zeigt, die es nicht lesen sollten – aber ich verrate dir was: das passiert auch jetzt schon. Leute, die normalerweise nicht wissen  sollten was du machst, wissen schon lange bevor du etwas machst, was du machst. Und wo. Klingt komisch, ist aber so. Willkommen im Einundzwanzigsten Jahrhundert.