Das Internet und die Realität

Geschrieben von kingalca am 29. Juli 2013
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Das Internet und die Realität

tl;dr: online bin ich weniger Ich als Offline.

Einige von Ihnen  kennen mich sicher als Max Alca, der Typ auf Twitter, der eigentlich die meiste Zeit über irgendein Indianerkraut twittert, über Frauen und Musik, ab und zu mal ein semi-witzigen Spruch raushaut und hin und wieder auch mal ein bisschen melancholisch ist, politisch von Amerika angewidert und auch sonst seine feste und oft etwas dogmatische Meinung durchsetzen möchte. Politische Inkorrektheit und andere Fehler runden das Profil sicherlich nicht allzu positiv ab, das ich online zu Tage lege.  Aber bin das wirklich ich?

Einige von Ihnen Fragen sich sicherlich nun, wieso ich so einen Artikel verfasse. Eigentlich ist es mir herzlich egal, was die Menschen im Internet, die mich nicht persönlich kennen oder mit denen ich mich nur 10, 20 mal getroffen habe über mich denken – da Sie mich überhaupt nicht einschätzen können, aber mittlerweile habe ich viel mit Menschen zu tun, bei denen es nicht gut wäre, wenn Sie nur das eine Internet-Ich kennen. Ich bin online definitiv jemand anders, als ich im echten Leben bin. Ich will hier auch gar nicht erzählen, wer und was ich überhaupt bin, was ich mache und in welchen Themenbereichen Ich die meisten meiner Leser mit Sicherheit in Grund und Boden stampfen könnte oder in welchen ich in den Boden gestampft werden würde, da das schlicht und ergreifend nicht der Inhalt dieses Eintrags sein soll.

Es gibt Menschen, die von sich behaupten 1:1 Online sowie im RL ein und derselbe Mensch zu sein – von Integrität ist hier die Rede, manchmal auch von „realness“.  Aber ist das so gut? Ist es mein Ziel, ein offenes Buch zu sein? Sie kennen vielleicht den Einband und die ersten 3, 4 Seiten meines Buches, aber nicht ein einziges vollständiges Kapitel. Will ich, trotz Blog, Facebook und Twitter, dass mich jeder Mensch auch wirklich kennt, obwohl ich Sie nicht kenne? Nein. Das will ich nicht. Ich will nicht, dass die Leute mich manipulieren können. Ich will nicht, dass mein echtes Ich auch nur im Ansatz mit dem Internet-Ich in Verruf geraten könnte und deshalb führe ich ein quasi-schizophrenes Online-Dasein, welches mein Sozial- oder Berufsleben nicht affektiert. Ich will, dass die Leute von, sagen wir mal, 100% realem Menschen nur 20% im Internet kennen lernen. Und das kann ich. Und das mache ich seit dem ich auf Twitter bin. Und Sie alle glauben es – so sehr, dass Sie selbst denken, mich oder auch nur irgendjemand anderen hier zu kennen. Weil Ihre realitätsfremde und verkrüppelte, ach so angepriesene „Menschenkenntnis“ ja so toll ist.

Logischerweise zeige ich nicht zwangsläufig meine rhetorischen besten 20%.

Ich will schreiben, worüber ich im meinem Berufsleben nicht reden kann. Ich will sagen, was ich mich sonst eventuell auch nicht trauen würde – verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe wirklich ein großes und vorlautes Mundwerk und sage wirklich gern meine Meinung, aber für manche Themen ist das soziale Umfeld einfach der falsche Ort. Man könnte sagen, dass das Internet weiterentwickelter ist, als die Menschen im echten Leben. Klar, ich trenne das beides nicht immer. Sie doch auch nicht. Wer macht das schon.

Es gibt ein paar Menschen, so ungefähr 3 von 50, mit denen ich mich bereits getroffen habe, die diese echte Seite auch durchaus schon kennen lernen durften und keiner von denen hat im Nachhinein behauptet, ich sei „ein dummer Idiot“, „ein Affe“ und/oder „lächerlich“. Das ist nun mal einfach nicht meine Art, die ich anderen vermittle. Das behaupten komischerweise ausschließlich Leute, die glauben mich zu kennen, weil Sie meine Tweets lesen oder weil Sie mich ein paar Mal getroffen haben. Oder meine 3-jährigen Blogeinträge lasen. Menschen, mal ernsthaft: das ist doch keine Argumentationsbasis.

Offenbar vergisst die Onlinegemeinde, dass wir uns nicht auf einem öffentlichen Marktplatz befinden, sondern im Internet. Und das Internet beruht nun mal nicht auf Integrität und Realness, sondern auf vermeintlichen anonymisierenden Schutzbarrieren, die je nach Nutzung eben solcher zur Erschaffung eines virtuellen Charakters führen kann, welcher als Ventil eines realen Menschens fungiert und als solches auch gute Arbeit leisten kann. Man müsste natürlich zwischen der privaten und beruflichen Nutzung dieses Mediums unterscheiden, aber ich denke, so intelligent sind Sie alle selbst um zu wissen, dass ich hier nur von der privaten Nutzung rede. Nicht jeder verhält sich gleich und das macht einen Menschen auch aus – es mag durchaus sein, dass man eine andere Ansicht über das Internet hat.

Ich habe seit einiger Zeit das Gefühl, dass viele Menschen vermuten irgendwen zu kennen, nur weil Sie die Tweets oder sonstige Einträge des Betroffenen gelesen haben.

Hören Sie damit auf. Ganz egal wie sehr jemand behauptet er selbst online zu sein, er ist es nicht. Ganz egal, wie sehr Sie glauben jemanden zu kennen – Sie kennen Ihn nicht. Und Ausnahmen bestätigen die Regel. Nehmen Sie sich das alle mal zu Herzen. Lieber denken die Leute im Internet über mich, dass ich ein Idiot bin, als dass das die Leute denken, die täglich mit mir zusammenarbeiten, dank denen ich mein Essen kaufen kann, weil Sie mich bezahlen. Genau diese Leute halten viel von mir. Weil ich nun mal nicht der Idiot bin, den ich vielen von Ihnen präsentiere. Denken Sie mal drüber nach.

Halten Sie von mir, was Sie wollen – es ist mir völlig egal und Sie liegen vermutlich sowieso falsch. Wenn Sie sich eine Meinung über mich machen wollen, treffen Sie mich. Aber hören Sie auf „so zu tun als ob“. Das wollte ich nur kurz sagen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Und jetzt: weitermachen.