Brief an Niemanden

Geschrieben von kingalca am 23. Januar 2017

Brief an Niemanden

Hallo Fremder,

wir haben lange nicht miteinander gesprochen. Du weißt vielleicht, wie ich darüber denke. In den letzten Jahren ist viel geschehen und eigentlich habe ich viel verpasst, auch wenn ich immer dabei war und alles gesehen habe. Du bist kein Kind mehr sondern erwachsen, du hast dich entwickelt, und ich sehe, wie es dich zerfrisst. Deine Gedanken sind unkontrolliert und jeden Tag wächst dein Zweifel an dir selbst und an deinen Zielen. Ist das der richtige Weg, den du gehst, oder bist du von dem Pfad, den du dir zurechtgelegt hast, abgekommen? Oder ist der Pfad mittlerweile ein anderer? Wie kommst du mit den Steinen zurecht, die man dir in den Weg legt? Kämpfst du dich frei, oder wirst du erschlagen? In der Vergangenheit war es immer der Kampfeswille, die Moral, die dich von jedem Steinschlag bewahrt hatte und selbst wenn der Stein sehr groß war, du bist einfach darüber hinweg gestiegen, mit einer Leichtigkeit, um die dich andere beneideten. Wo ist das hin? Wieso ist das heute nicht mehr so? Was machst du nur falsch? Was machst du nur anders?

Du musst dich am Riemen reißen, wenn es weitergehen soll. Wenn es funktionieren soll. Lass die Dinge nicht mehr einfach so auf dich zukommen, sondern reagiere. Ich beobachte dich, und ich sehe, wie dir die Dinge aus den Händen gleiten. Es hat doch so gut funktioniert bisher. Woher kommt dein Verlangen nach dem Feuer, obwohl dir warm genug ist? Wieso vertraust du der Schlange, die dir rät den Apfel zu essen? Ich weiß, Feuer und Schlange sind zwei feste Bestandteile deines Lebens, mehr Begleiter als Berater. Das darf sich nicht ändern. Du musst handeln, auch wenn du nicht willst. Eigentlich hast du keine Wahl, mal wieder. Als wäre es etwas Neues, aber du verhältst dich nicht gerade so, als hättest du schon zigmal diese Entscheidung treffen müssen. Was ist nur los mit dir? Wach auf.

Ich bin dein Beobachter aus der höheren Warte, der Mediator, der nicht spricht und dennoch sage ich dir, dass du handeln musst. Ich halte es dir zu Gute, dass deine Prinzipien dieselben sind wie eh und je, auch wenn das nicht zwangsläufig etwas Gutes ist, zumindest für alle anderen um dich herum. Wie war das damals vor fast 7 Jahren, da hast du auch gehandelt und es war gut. Und in jedem Jahr danach. Du kannst handeln und du kannst Dinge schaffen, aber irgendwie ist dir dein Benzin auf halber Strecke ausgegangen – wo ist die nächste Tankstelle? Ich denke, du weißt es, aber aufgrund eines Missverständnisses mit dem Kassierer willst du da nicht mehr Tanken. Du bist ein Idiot, und du solltest weniger argwöhnisch sein. Vielleicht versuchst du das ja zu ändern, dieses Jahr. Oder nächstes. Hauptsache du tust es. Vergiss nicht, was wichtig ist. Vergiss nicht, wer wichtig ist. Und wer nicht – mach mal einen Frühjahrsputz und entferne die Dinge, die dir nicht gut tun. Räum auf und bring deine Prioritäten wieder in Reih und Glied.

Und auch wenn du ganz genau weißt, dass niemand so wichtig für deinen Erfolg ist, wie du selbst, so sind es stets deine Begleiter gewesen, die dich aufgefangen haben, wenn du gefallen bist, die dich sachte auf den Boden gestellt haben. Die Alternative wäre, dass du mit einem Schlag aufprallen würdest. Wichtig ist nicht die Zeit in der man fällt, sondern nur die Zeit, in der man aufschlägt. Ich glaube, dass du bald wieder fällst. Also pass auf und sei wachsam.

Aber auch wenn es gerade vielleicht so wirkt, als gingst du durch ein dunkles Tal, kann ich dir sagen, dass nach jeder Talfahrt irgendwann der Weg nach oben kommt, du kennst das doch. Ist ja nicht so, als ob du noch nie ein Tal von seinem tiefsten Punkt gesehen hättest. Oder die Spitze des Berges, nachdem du keine Lust mehr auf das Tal hattest. Und oft ist es im Tal gar nicht so dunkel, wie man annimmt. Die Perspektive macht viel aus. Betrachte die Dinge wieder aus einem anderen Blickwinkel. Wenn du das liest wirst du dir denken, dass ich Schwachsinn rede und dass nur du Recht haben kannst, aber ich kenne den Kampf in dir, schließlich bin ich ein Teil davon.

Ich kenne dich so gut, ich kenne deine Seiten, und ich weiß, wann der Engel in dir spricht und wann der Teufel. Ich denke wir wissen beide, dass der Teufel seit jeher mehr Einfluss auf dich hatte, als der Engel. Vielleicht solltest du das nach so vielen Jahren endlich mal ändern. Du merkst doch selbst, wohin es führt.

Und zu allerletzt bleibt nur zu sagen, dass selbst wenn man nie verliert, man doch Gefahr läuft, sich irgendwann selbst zu verlieren. Pass auf dich auf und schalte einen Gang zurück, aber geh vorwärts. Du brauchst das jetzt. Du schaffst das.

Mit besten Grüßen,

Jemand, der dir wichtig ist